“Haben Sie eine sichtbare, schwere Behinderung – und sind auf der Suche nach einem Partner?”

 

…dann melden Sie sich doch gleich per Mail bei dem niederländischen Privatsender SBS6, denn der kann Ihnen mit seiner neuen Show „Liebe auf den zweiten Blick“ helfen. Als Single, der durch Unfall oder Krankheit äußerlich schwerst entstellt wurde, schenkt man Ihnen die Gelegenheit, endlich einen attraktiven (hurra!) Menschen kennen zu lernen und selbst als liebenswerte Person unter ihrem grässlichen, abschreckenden Äußeren entdeckt zu werden. Das Ganze geschieht selbstverständlich aus reiner Menschenfreundlichkeit:

“The main aim of the programme is to remove prejudice about these people, to create more acceptance and respect and, of course, to [help them] find the love of their lives.”

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Quelle: negativschnitt.de

Die „Iiiiiiiih!-“ und „Zum Glück bin ich das nicht!-“ Effekte, welche von den Spiegelneuronen der Zuschauer dabei ausgelöst werden, macht man sich dabei für die Einschaltquoten natürlich nur unbeabsichtigt zunutze – ebenso wie den „Unfallgaffer-Reflex“. Dass zudem durch die Aktivierung bestimmter memetischer Trigger ganz sicher eine Konversation über das Gesehene ausgelöst wird, ist natürlich ebenso reiner Zufall.

Oder? Denn jetzt lesen Sie sich die Geschichte bitte noch mal durch, und behalten Sie dabei im Hinterkopf, dass die Show ursprünglich „Monster Love“ heißen sollte. Klingt die Motivation des Senders immer noch glaubwürdig?

Interessant an der Geschichte ist in jedem Fall, dass SBS6 hier immerhin einen Ratschlag beherzigt hat, den wir immer wieder geben: „Mache nicht nur virale Werbung, sondern baue gleich ein virales Produkt“. Schade nur, dass man zwar das Konzept memetischer Trigger (in Verbindung mit extremer Menschenverachtung…) richtig verstanden hat, jedoch nicht beachtet, dass zu einem viralen Produkt mehr gehört als der Einbau verschiedener Trigger: Nämlich das Potenzial, auch langfristig darüber sprechen zu können, ohne dass der Empfehler sich selbst ins soziale Abseits stellt.

Da letzteres hier (meiner Meinung nach) nicht gegeben ist, prophezeie ich großartigen Buzz und ordentliche Einschaltquoten für die erste Show – und einen subsequenten freien Fall für die darauf folgenden. Spätestens, wenn der potenzielle Zuschauer bemerkt, dass sein Wissen zur Show am nächsten Tag am Arbeitsplatz nur Abscheu erntet, wird er das Thema nicht mehr in einer Diskussion anschneiden. Ein erstes Indiz für diese These scheint das Ergebnis folgender Umfrage zu sein:

“A poll by the mass circulation De Telegraaf daily showed 85 percent do not like the idea, with only 9 percent in favour.”

Selbst wenn man einen Bias für „sozial erwünschte Antworten“ einrechnet und davon ausgeht, dass viele Zuschauer vielleicht außerhalb einer Umfrage doch eher ihren niedrigsten Instinkten nachgeben, scheint die Zukunft für „Monster Love“ nicht rosig zu sein.

Gefunden bei: dailymail.co.uk

Das Wort Mem wurde (analog zum „Gen“ in der Biologie) bereits 1976 von dem Evolutionsbiologen und Skeptiker Richard Dawkins geprägt, um die kleinste „Einheit von Ideen“ zu umschreiben, aus denen unser Bewusstsein aufgebaut ist, und die von einer Person zur nächsten weitergegeben werden können. Dawkins sagte, „Examples of memes are tunes, catch-phrases, clothes fashions, ways of making pots or of building arches”. Später wurde das Konzept von Memen, welche nicht nur unser Bewusstsein steuern, sondern auch Kulturen prägen, von prominenten Wissenschaftlern wie Dennett, Boyd, Richerson und Cavalli-Sforza weiterentwickelt. 1999 schrieb Susan Blackmore eine umfassende Einleitung in das Feld der Memetik, die unter dem Titel „The Meme Machine“ erschien.
Aber was ist ein Mem denn nun eigentlich? Blackmores einfachste Definition stellt ein Mem als Informationseinheit dar, „…which is passed on by imitation“ – also eine Mode, eine Bauanleitung, ein Verhaltensmuster, das von einer Person zur nächsten weitergereicht wird und so weite Bevölkerungskreise infizieren kann. Meme sind für virales Marketing hauptsächlich interessant, weil man man durch Betrachtung der darwinistisch erfolgreichsten Meme sogenannte memetische Trigger ableiten kann – also Strategien, die es einer Idee ermöglichen, sich im Verdrängungswettbewerb erfolgreich gegen andere Ideen durchzusetzen und mehr und mehr relevant für Personen zu sein.